Angewandte Improvisation im Feld Freizeitpädagogik

Schon länger unterrichte ich an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz im Lehrgang Freizeitpädagogik an einem Wochenende das die Überschrift Theaterpädagogik trägt. Ich setze dort Ansätze und Methoden der angewandten Improvisation um, u. a. als:

  • In verschiedensten Settings sehr einfach und schnell umsetzbare Methoden u.a.:
    • Zur Unterstützung von Lernprozessen bzw. der intensiven Auseinandersetzung mit Inhalten sowie aktuellen Ereignissen
    • Um Wünsche, Erwartungen, Ängste und Bedürfnisse sichtbar zu machen
    • Für Brainstorming
    • Als Methode Klischees und Vorurteile aus neuen Blickwinkeln zu sehen
    • als Triebfeder für eine positive Gruppendynamik
    • als Aktivierungsmöglichkeit von Teilnehmenden
    • zum Umgang mit Konflikten
    • Zur Unterstützung der Integration von neuen Teilnehmenden in die Gruppe oder auch von Personen die dort bislang eher ‚am Rand‘ waren
  • Wege zu Ideen, Textmaterialen, Informationen zu Figuren für szenische Collagen oder auch Theaterstücke

Im Feld Freizeitpädagogik insgesamt und bei Methoden aus der Angewandten Improvisation ist das gegenseitige Kennenlernen ein unverzichtbarer Bestandteil. Auch bei Gruppen, die schon längere Zeit miteinander verbracht haben. Gefördert wird so eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, der Neugier aufeinander, die Auseinandersetzung mit der eigenen und mit anderen Identitäten sowie das bewusste Wahrnehmen gegenseitiger Anknüpfungspunkte.

Ich starte mit soziometrischen Übungen: Geburtsort mit N-S-O-W und Nennung des eigenen Vornamens und dann die Frage: „Wo bist Du das erste Mal ins Theater gegangen“ und nach der Positionierung: „Um welche Stadt, welches Theater, welches Stück hat es sich gehandelt?“. Unmittelbar wahrnehmbar ist bei dieser Variante ein gespanntes aufeinander hören und ein Lachen über sehr unterschiedliche theatrale Erstzugänge: Von der „Kleinen Raupe Nimmersatt“ bis hin zu Göthes Faust. Von der Bühne im Klassenzimmer über die seelenlose Stadthalle aus Beton bis hin zum Prunktheater.

Dann schnelle Linie mit Vorname. Da sich in der Gruppe alle kennen lade ich unmittelbar nach dem Aufstellen ein, die Augen zu schließen und dann erst den Namen der Nebenstehenden zu nennen. Es wird sehr schnell sehr leise, die Namen sind gut zu hören, manchmal ist ein Nachdenken nötig.

Dann schnelle Linie mit der Größe des kleinen Fingers. Wieder laufen die Größenvergleiche sehr intensiv ab, es wird lauter im Raum, die Anwesenden berühren sich gegenseitig, scherzen. In der Linie fordere ich heraus: Nenne den Namen der Nachbarin und eine Stärke, die sie hat. In dieser Phase versteht die Gruppe auch Dinge darunter wie „hat schöne Haare“, „nimmt jeden Tag einen langen Weg auf sich“…

Dann Cluster: „Menschen die viel Theater spielen“, „Menschen die schon einmal einen Workshop besucht haben“, „Menschen, die ab und zu ins Theater gehen“. Sehr Ähnliches zu Improvisationstheater.

Dann eine gedachte Linie im Raum: Ganz links „Stimmt für mich / ich stimme zu“, ganz rechts: „Stimmt nicht für mich / sehe ich nicht so“. Themen: „Theater bedeutet Texte auswendig zu lernen“ (verhältnismäßig große Zustimmung), „Jeder Mensch kann Theater spielen“ (eher mehr Zustimmung), „Ich kann Theater spielen“ (leichte Tendenz zu Zustimmung).

Ich lade die Gruppe ein neugierig aufeinander zu sein und Dinge voneinander zu erfahren.

Es entstehen u. a.:

Cluster zu „Genre der Bücher, die ich lese“

Linie „Alter“ (Ich lade dazu ein, eigenes Alter zu nennen und in wertschätzender Weise Alter der Person, die daneben steht; Thematisierung von chronologischen und sozialen Alter: Gerade auch ein Thema, wenn „ältere“ Personen Zielgruppen freizeitpädagogischer Angebote sind)

Linie Schuhgröße – ich wiederhole: Anderer Person Kompetenz zusagen und dabei eine Stärke zu sagen. Mir fällt auf, dass die Vorgabe Kompetenz noch immer etwas unscharf umgesetzt wird  bzw. manche Zusagen

 

Dann bewusstes Gehen: Auffällig ist der radikale Wechsel in der Gruppe von sehr schnellen Gehen und Gehen in Zeitlupe.  Atmung wird hörbar. Schritte werden sehr bewusst gesetzt, das Tempo der Agierenden gleicht sich einander an. Dann „Stopp and Go“ – Vorgabe: Themen aus dem Bereich Freizeitpädagogik. Weiters: Die Übung „Wissensschätze“ mit der Variation: Ich hole etwas aus der Tasche (ein Ding, eine Haltung…), das ich unbedingt in der Freizeitpädagogik brauche, dafür sehr wichtig ist und zeige es Dir, Du benutzt es und gibst es mir zurück. Abschluss: Den wahrgenommenen „Gegenstand“ benennen und dazu eine Stärke sagen, die mit diesem in Bezug auf die Person wahrgenommen wird. Sehr intensives Miteinander und gegenseitige Zuwendung mit großer Nähe.

Weiters die Variationen Zauberstab und Schwerkraft. Die Personen, die den Zauberstab nutzen, die Schwerkraft sind, erleben ihre Rollen sichtlich als faszinierend. Im Debriefing benannt wird dazu u. a. der Grenzgang zwischen Macht und Kontrolle bzw. Selbstwirksamkeit zu erleben.

Ich setze ab hier Transfertriaden ein, also ein gemeinsames Sammeln von Umsetzungsideen für die Praxis mit einer „Ja, genau – Haltung“. Ich lade die Teilnehmenden ein, Ergebnisse am Abend, am Wochenende in einem Etherpad festzuhalten und miteinander zu ergänzen http://titanpad.com/sleepy2 (Name des Haustiers einer Teilnehmenden & der Hausnummer einer anderen).

Nächster Schwerpunkt sind Assoziationsspiele mit dem Körper: Start mit „Zeigen, nicken, gehen“. Ich weise später darauf hin, dass das spontane Auswählen eine Person auch eine Art / Form von Assoziation ist bzw. die Methode den gegenseitigen Fokus, die Kooperation fördert. Interessant ist, dass der gemeinsame Rhythmus bei der Variante mit Gehen erst nach und nach in Fluss kommt bzw. dann abbricht. Wichtig wäre sichtlich gewesen, mehr Zeit in die Variante ohne Gehen zu investieren. Wobei ich dann eine Variante einsetze mit „Während des Weges Augenkontakt halten“ und dann es deutlich einfacher ist, dass die Gruppe einen Rhythmus findet; es wird insgesamt weniger hektisch; Fokus steigt. Für die Weiterentwicklung der Methode: So eine Phase dazwischen einziehen, dann könnte die schnelle Variante im Gehen leichter fallen.

Dann Transformationskreis mit Bewegungen vergrößern. Diese werden sehr, sehr schnell größer, gleichzeitig entsteht so eine größere Vielfalt an neuen Ideen. Auch um „Vergrößerung von Bewegung“ noch intensiver zu erleben, setze ich Transformationslinien ein. Und es entstehen tatsächlich mehr „Feinstufen“ in den Körperbildern. Hohe Intensität im gemeinsamen Tun, merkbare Freude an entstehenden Bildern. Die entstandenen Kleingruppen reflektieren dann noch zu Themenfäden, die sich im Tun ergeben haben.

Dann spiegeln in Paaren mit der Vorgabe Freizeitpädagogik – die Paare sind einander sehr nahe, Bewegungsvorgaben werden schnell und einfach gefunden. Die Übung wird noch intensiver mit der Vorgabe, dass ich als Außensteher nicht mehr unterscheiden kann, wer vorgibt und wer spiegelt. Auch für diese Phase wäre ein Nachfragen zu entstandenen Themenfäden noch möglich gewesen.

Kopieren im Gehen. Zunächst mit Vorgabe vergrößernde Verfremdung eines wahrgenommenen Details, wobei die Partnerin diese Vergrößerung selbst auch ausprobiert. Dieses selbst nachvollziehen, mitmachen der Verfremdung hat sich schon in anderen Kontexten als sinnvollen Schritt bewährt: Hängt zusammen mit Handlungsoptionen, die ich für mich durch außenstehende Ideen bekomme, die aber gleichzeitig eng mit einer intensiven Wahrnehmung von mir zu tun haben.

Dann: Erinnerung an als herausfordernd erlebte Situation. Partnerin kopiert und schlägt dann eine Erleichterung vor. Für den Austausch: Wie ich als Umsetzende das Erleichterungsangebot erlebt habe sowie wenn gewünscht Austausch zum Thema.

Im Debriefing erwähnt wird das unmittelbar auf andere reagieren, das gemeinsame Finden und Weiterentwickeln von Ideen.

Abschluss des Tages. Die Anwesenden sind sichtlich müde. Klatschspiele. Einfachen Klatscher im Kreis weitergeben und dabei verschiedene „Klatschintensivitäten“ ausprobieren. Im Nachhinein betrachtet ist dies ein Aufgreifen von Grundgedanken aus den Transformationslinien, eine Variante von Assoziationen mit dem Körper sowie Annäherungen an das Thema Verfremdung.

Dann zu zweit gleichzeitig klatschen, eine dreht sich weiter usw. Die Konzentration ist merkbar schwierig für die Anwesenden, trotzdem läuft diese Form des Klatschkreises immer wieder auch intensiv. Gegen Ende sinken viele auf ihre Sessel. Ich greife das auf und arbeite mit Sesselkreis weiter. Klatschkreis auf den Schenkeln. Und Grundrhythmus mit Variationen. Hier wacht die Gruppe nochmals auf, kommen verschiedene, sehr vielfältige Varianten. Am Ende Klatsch mit Namen. Ich fordere mehrfach ein extrem langsames Tempo ein, damit alle mit kommen.

 

  1. Tag

Wortassoziationen: Wobei ich diesmal mit Übungen starte, um Assoziationen einzuüben, Mut dafür zu haben, etwas (Worte, Bewegungen, Ideen…) einzubringen.

Dialog mit „Wie geht’s Dir“ und „Mir geht’s gut“ – dazu möglichst viele Varianten (Tempo, Emotion, Hintergedanken…) finden. (ist eine Variante / Annäherung an Verfremdungstechniken)

Was machst denn Du da“ zunächst in Kleingruppen, dann mit zwei Gruppen und Austausch der Spielenden bei Fehler. Vorgabe: alle Assoziationen mit K. Mit dieser Vorgabe steigen das Tempo und die Diversität der Antworten.

Ich bin, ich bin ich nehme“ – sehr intensiv umgesetzt, ich steige nur zweimal ein, viel Lachen. Fast alle arbeiten nicht nur mit Figuren sondern auch mit Bewegungen. Dann mit Vorgabe „Freizeitpädagogik“. Leichte Temporeduktion, aber nach wie vor beteiligen sich alle, bringen vielfältige Themen ein.

Dann in vier Kleingruppen immer mit anschließendem Suchen nach roten Themenfäden:

  • Assoziationstriade
  • Assoziationstriade mit Vorgabe ABC -> Nachfrage dazu: Wer war die Hauptfigur aus einen der beiden Geschichten, wie ist Vor- und Nachname? Welche drei Eigenschaften hat diese Person?
  • Die Person wird zur Vorgabe einer Satz-für-Satz Geschichte. Dabei mittendrin: Ich gebe vor Aus jeder Gruppe geht eine Person in eine andere Gruppe und beteiligt sich dort an der Satz für Satz Geschichte (2x). Wahrnehmbar ist ein aufeinander Einlassen, körperliche Nähe, intensives Zuhören, Spaß an der Sache
  • Nach der Pause in denselben Gruppen Solution Threesome. (als Experiment: Mit der Methode EInsatzmöglichkeiten für die Methode finden, funktioniert nur nach heftgen Erklärungsversuchen; zu stark auf der Metaebene)

Darauf aufbauend Wortwolke zu zwei Themen zu denen Teilnehende ihre Asbchlussarbeit schreiben werden

Die letzte Phase des Seminars ist zunächst die Methode Parkbank um das spielerische Annähern an die improvisierten Kurzszenen zu unterstützen. Die Teilnehmenden spielen sehr lustvoll mit den Wechsel zwischen Tief- und Hochstatus. Dann Szene, wo alles schief geht, Szene mit Genrewechsel um – in diesem Fall – den dramatischen Verlauf noch deutlicher zu machen und eine Ressourcenszene. Bei allen Szenen frage ich auch nach, wer als Hauptfigur erlebte wurde und lade die Teilnehmende ein, spontane Assoziationen und Verbindungen zum eigenen Diplomthema niederzuschreiben.

Die Teilnehmenden wünschen sich dann Impro-Spiele, die im Kreis umsetzbar sind: Einstieg mit Sieben sowie dem Körper-Assoziationsspiel Sieben. Intensiv energetisierende und aufputschende Wirkung. Darauf aufbauend:

  • Roter Ball mit der Einladung zu Bällen zu Freizeitpädagogik
  • Bidibidibop (mit der Zusatzfigur Freizeitpädagogin)
  • Handimpulse
  • Und aus der Gruppe eingebracht: Samurai (beide Arme Richtung Zimmerdecke, dann mit beiden Armen mit Geräusch wie Lichtschwert auf andere Person im Kreis zeigen; die Personen die rechts und links von dieser stehen zeigen gleichzeitig auf ohn/sie und schreien laut „Ha“ usw.)

Ganz am Ende der zwei Tage bringt eine Teilnehmende noch ein Thema für eine Forumtheatersequenz ein. Sehr intensives miteinander Nachdenken.

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