Einige Missverständnisse zum „digitalen Lernen“

Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch an Vollständigkeit und wie immer lade ich zu Kommentaren & Ergänzungen ein! Unmittelbarer Anlass des Entstehens war der zweite Teil einer Keynote beim E-Learning-Tag des FH Joanneum im September 2016. Nun zu den Missverstädnissen:

„Lernen bedeutet Zuhören“ (vielleicht auch noch Zusehen)

Ja auch. Und möglichst intensiven Dialog. Gemeinsames Arbeiten an Aufgaben und Fragestellungen, die nicht nur von Lehrpersonen eingebracht werden. Forschendes, neugieriges Experimentieren.  Selbstständiges Arbeiten alleine und in Kleingruppen, das von Lehrenden initiiert, begleitet, unterstützt wird, in das die Expertise des/der Lehrenden und gleichzeitig jene der Lernenden einfließen.

 

„Digital ersetzt analog“

Es geht immer um ein „Und“, nicht um ein „Oder“. Natürlich gibt es Lernimpulse, die zunächst ausschließlich mit digitalen Mitteln angeboten werden (z. B. Podcasts, Lernvideos, MOOCs usw). Diese sind im Idealfall ein Teil eines möglichst vielfältigen Mix an Materialien (also auch Bücher usw. zum Durchblättern), Methoden und Herangehensweisen (also natürlich auch ‚Hands on‘, Exkursionen, Interviews, Be-Handlung im umfassenden Sinn…).

 

„Digital lenkt ab“

Das „kann“ auch jede Variante von analog, angefangen beim heißbeliebten ‚in die Luft schauen‘. Wenn also Lernende ihr Smartphone zücken kann das ganz Unterschiedliches bedeuten. So kann es Teil eines gut geplanten und gemeinsam reflektierten Lernprozess sein, bei dem sich verschiedene Werkzeuge und Methoden abwechseln. Es kann Teil eines stark von selbstständigen Tun geprägten Recherche- und Forchungsprozess sein. Und es kann eine Ausdruck von Langeweile sein, wo es aber nicht nur Aufgabe von Lehrenden sondern aller Anwesenden ist, Mitmachen im umfassenden Sinn wieder zu initialisieren.

 

„Digital macht süchtig“

Es gibt zweifelslos Menschen, die ihr soziales Leben, ihre gesamte Existenz durch einen exzessiven Gebrauch „des Internet“ gefährden – wobei zu differenzieren ist, ob es hier um Kaufen, Ansehen, Spielen oder eine Kombination aus allem geht. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Und auch ein Buch kann, ‚in den Bann ziehen‘, den Alltag vergessen lassen. Exzessives Lesen kann Symptom eines sozialen Rückzugs sein. Über das Suchtpotential von Medien wird jedenfalls schon seit Erfindung der Schrift diskutiert.

 

„Kein unmittelbarer Kontakt mit Lernenden möglich“

Frage. In einem physischen Raum mit mehr als 10 Menschen: Wie kann eine Lehrperson über einen längeren Zeitraum feststellen, ob immer alle ‚bei der Sache sind‘, alles verstanden haben, Aufgaben wie geplant umsetzen? Wesentlich sind also Einzel- und Kleingruppenphasen, die eine aktive Beteiligung fördern sowie der mit unterschiedlichsten Herangehensweisen geförderte Dialog, der nicht nur von der Lehrperson ausgeht. Auch darum brauchen ebenso E-Learning Räume eine wohl überlegte Architektur inkl. analoge Verwebungen.

 

„Digitales Lernen ist aufwendig“ (und störanfällig)

Keine Frage: Das Erstellen von digitalen Medien, das Verknüpfen mit Lernaufgaben, der digitale Dialog mit Studierenden braucht Zeit. Dies gilt genauso für analoge(s) Medien und Vorgehen! Ja, technische Störungen können nervig sein und Prozesse stören. Genauso können auch bei analogen Vorgangweisen Probleme auftauchen und es braucht immer einen Plan B bzw. die Bereitschaft diesen gemeinsam mit Lernenden zu entwickeln und umzusetzen.

Und, ja, für alle Beteiligten ist digital literacy a) ein wichtiges Thema b) entsteht nicht von selbst c) braucht ein gemeinsames Tun & Reflektieren!

Ausgangspunkt Medienbiographie

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Medien begleiten unseren Lebensweg, jeder Mensch hat seine eigene, unverwechselbare Medienbiographie, seine Geschichte des Umgangs mit Medien. Sie trägt zum persönlichen Wissensstand bei, ist mitentscheidend für bestimmte Einstellungen und Entscheidungen. Die Reflexion der Medienbiographie ist ein wichtiger Schritt zur Weiterentwicklung der eigenen digital literacy.

Zur Biografie gehören ebenso der aktuelle Zeitraum sowie Zukunftsszenarien. Als Werkzeuge können dabei Tools wie „dipity“ (http://www.dipity.com/) oder „Timeline“ (http://timeline.thinkport.org/) zum Einsatz kommen, um einen Zeitstrahl zu visualisieren (siehe auch diesen Blogbeitrag http://www.improflair.at/blendedflippedteaching/arbeiten-mit-zeitleiste-zeitstrahl/).

Mögliche Impulsfragen zur Reflexion der eigenen Medienbiographie sind:

  • Welche Medien habe ich wann das erste Mal bewusst genutzt?
  • Welche Medien waren „verboten“?
  • Welche Medien / Medieninhalte waren Pflicht bei der Aus- / Weiterbildung?
  • In welchen Lebensphasen haben bestimmte Medien für mich eine besonders wichtige Rolle gespielt? Welche Entscheidungen und Einstellungen haben sie (mit)geprägt?
  • Mein(e) Lieblingsfilm, -buch-, autorIn, -musikstück, -komponistIn …
  • Wie nutze ich welche Medien momentan, also auch:
    • Wie leicht sind sie für mich zugänglich?
    • In welcher (auch zeitlichen) Intensität & Regelmäßigkeit?
    • Was mache ich während ich die Medien nutze (z. B. Frühstücken, Bügeln …)?
    • Welche Medien werden gleichzeitig genutzt?
    • Anhand eines Zeitraums wie z. B. eine Woche: Welche Inhalte sind bei mir „hängen geblieben“, haben mein Denken & Handeln mit bestimmt?
    • Nutze ich Medien, die gezielt vielfältige Informationsquellen nutzen (vor Ort, Sicht der „Betroffenen“, Vergleich verschiedener Statistiken, „alternative“ Nachrichtendienste (z. B. Inter Press Service www.ipseuropa.org)?
    • Vergleiche ich die Berichterstattung verschiedener Medien
    • Versuche ich Informationen durch Nutzung anderer Quellen und Bildungsangebote sowie durch Alltagserlebnisse und –begegnungen zu verifizieren / zu ergänzen?
  • Wie wird mein Medienkonsum durch FreundInnen, LebensgefährtIn, ev. Kinder usw. kommentiert? Hier kann ein Vergleich mit der Situation in der Herkunftsfamilie sehr spannend sein.
  • Wie nutzen Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld Medien?
  • Bei gemeinsamen Medienkonsum: Wer wählt aus?
  • Ist kritische / partizipative Mediennutzung ein Thema in meinem sozialen Lebensumfeld?
    • Beschäftige ich mich mit Produktionsbedingungen von Medien bzw. Grundlagen der Wirkungsforschung?
    • Welche Medien oder Medieninhalte produziere ich selbst (z.B. Blog im Internet)

 

Literatur zum Thema Medienbiographie

Biermann, Ralf (2014): Medienbiografie. In: Tillmann, Angela/Fleischer, Sandra/Hugger, Kai-Uwe: Kinder und Medien. Wiesbaden: VS-Verlag, S. 125-136

Biermann, Ralf/Kommer, Sven (2004): Medienbiografien mit Kompetenzgewinn – Videomaterial in der Forschung. In: PH FR Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Freiburg 2004/2 + 2005/1. S. 20-21.

Hoffmann, Bernward (2011): Medien und Biografie: „Sie sind ein Stück von Deinem Leben“, in: Hölzle, Christina/Jansen, Irma (Hg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen − Zielgruppen − Kreative Methoden, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 273−278.

Kommer, Sven/Biermann, Ralf (2007): Zwischen Erinnerung und Inszenierung – Medienbiografien medial. In: Freiburger FrauenStudien „Erinnern und Geschlecht, Band II“, Band 20/07, S. 195-220.

Nosko, Christian; Kunnert-Wernhart, Veronika (2012). „In der Schule haben wir manchmal Filme gesehen“. Medienbiografie in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften. In: merz medien + erziehung, 3/2012, München, S. 56-62.

Pöyskö, Anu (2009): Medienbiographie – ein Leben voller Medien, in: Magazin erwachsenenbildung.at, Ausgabe 6, 2009, online unter: http://www.wienxtra.at/fileadmin/daten/OeA/PDF/pdfs_2009/poeyskoe_medienbio.pdf

 

Medienbiographie – WebSite der KPH Wien/Krems mit Impulsen zur eigenen Mediengeschichte in Bezug auf Fernsehen, Printmedien, Computerspiele, Kommunikation, Musik sowie mit Podcasts mit erzählten Medienbiographien http://pro.kphvie.ac.at/medienbiografie/einleitung/