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empfehlungen

Empfehlungen zum Einsatz von Methoden aus der Angewandten Improvisation im Bildungsbereich

(dieser Text enthält einige Bausteine aus einem Beitrag für die gmw2016)

Für die Anwendung von Methoden der Angewandten Improvisation sind u. a. folgende Aspekte für die Auswahl, Planung, Implementierung und Reflexion wichtig:

Nicht nur die Ausnahme Improvisationsmethoden werden von vielen als ungewöhnliche und ungewohnte Herangehensweisen erlebt. Der Aspekt der 'Verstörung', der 'Überforderung' ist zum einen bis zu einem gewissen Grad ein wichtiger Aspekt der Methoden und ihrer Wirkungsmöglichkeiten. Je öfters die Methoden zum Einsatz kommen, desto eher werden sie als integraler Bestandteil einer Vorgangsweise und nicht als 'Ausnahme' erlebt. Dadurch, dass die Prinzipien der Improvisations-Games nach und nach intensiver verstanden werden, können sie noch intensiver für eigene Lernprozesse und auch die Gestaltung des eigenen Lebens genutzt werden. Wobei zu betonen ist: Auch jemand, der/die noch in seinem Leben eine Improvisationsmethode angewendet hat, wird schon bei der allerersten Begegnung damit, der ersten gemeinsamen Anwendung profitieren.

Bezug zum Thema: Gemeint ist damit das gesamte didaktische Design (vgl. Reinmann, 2015). Also eine Auseinandersetzung mit Zielen einer Lehrveranstaltung auf Ebene von inhaltlichem Wissen als auch von Kompetenzen (vgl. Astleitner, Wageneder, Lengenfelder & Jekel, 2015). Diese nimmt im Idealfall auch Bezug zu Zielen auf Ebene etwa eines Moduls und des Currciulums eines Studiengangs oder eines Bildungsangebots. Davon ausgehend werden dann für verschiedene Inhalte sowie Lernphasen in Offline- und Onlinesettings verschiedene Methoden ausgewählt oder auch weiter entwickelt, sowohl für die Vermittlung als auch für das Assessment. Verschiedene Methoden können dann eben aus dem Feld der Angewandten Improvisation kommen – sie sind, wie alle anderen Methoden, bewusst ausgewählt, auch in Hinblick auf die Platzierung im Ablauf. Über diesen Bezug zum Thema und warum eine Methode gerade jetzt zum EInsatz kommt müssen auch die Teilnehmenden ausreichend früh informiert werden bzw. gilt es darüber gemeinsam zu reflektieren.

Räume bewusst nutzen: Gemeint sind (Lern)Räume sowohl offline als auch online. Ein Grundprinzip ist dabei der Satz von Augusto Boal „Bühne ist überall“ (vgl. Boal, 1985). Sowohl können vorhandene Settings genutzt oder auch gemeinsam als 'Spielfläche' mit einfachsten Mitteln gestaltet und verändert werden. Der Raum kann dabei auch Inspirationen für Vorgaben liefern. Es kann spannend sein, den Raum zu nutzen, so wie er ist oder diesen bewusst zu verändern. Ein Werkzeug dazu können auch Übungen wie Raumlauf / bewusstes Gehen sein, um Räume zunächst gemeinsam zu entdecken. Improvisationsmethoden sind jedenfalls in jedem Raum, egal wie groß oder wie beengt und starr usetzbar!

Raum für Debriefing: Reflektierende Herangehensweisen und Methoden tragen wesentlich zum Gelingen und zu nachhaltigen Effekten von Lernprozessen bei. Dazu verweist Smith (1999) u. a. auf die Forschungen des Pädagogen John Dewey, des Philosophen Donald Schön sowie von Lerntheoretikern wie David A. Kolb. Wichtig ist nach jedem Einsatz von Improvisationsmethoden eine Zeit für die Reflexion vorzusehen sowie dazu gezielt Methoden und Fragestellungen auszuwählen. Ein wichtiges Thema im Zusammenhang zum didaktischen Design ist die Reflexion der Auswahl der jeweiligen Methode. Damit das Debriefimg sein volles Potential erreicht, können verschiedene Dokumentationsmethoden wichtig sein, also Erkenntnisse, Lerneffekte und Wahrnehmungen der Beteiligten in einer passenden Form auch asynchron nutzbar zu machen.

Aufwärmen: Die Praxis zeigt, dass es verschieden ‚intensive‘ Formen von Improvisationsmethoden gibt. Für manche ist es wichtig, dass es vorangehende Spiele gibt, die eine Annäherung an die Methoden unterstützen, u. a. einfache Assoziationsspiele mit Worten, Gesten bzw. im gemeinsamen Gehen (vgl. Berk & Treiber, 2009). Auch bei diesen Spielen ist der Bezug zum Thema wichtig. Die minimale Variation des Aufwärmen ist der Verweis auf einige der "Regeln" für Improvisationsmethoden.

Kennenlernen Kann ein Teil des Aufwärmens sein. Sowohl soziometrische Übungen als auch verschiedene Assoziationsspiele können dazu beitragen, dass Teilnehmende Aspekte voneinander erfahren, die sie so bislang noch nicht wussten. Dies trägt zu einer Atmosphäre der Kooperation bei.

Partizipation: Ein wesentliches Grundprinzip von Improvisationsmethoden sind Vorgaben etwa zu Orten, Emotionen, Beziehungen, Genres oder Zeitpunkt von Handlungssequenzen. Es ist wichtig, dass diese möglichst bald von den Agierenden selbst formuliert werden, auch damit deren Themen noch stärker einfließen können. Gefördert wird so auch dass kooperative Lernen in / mit Improvisationsmethoden (vgl. Berk & Treiber, 2009). Ein weiterer Aspekt von Partizipation ist die gemeinsame Verantwortung für das, was im gemeinsamen Tun geschieht. Im Idealfall fühlen sich alle gleichermaßen für das Gelingen verantwortlich, bringen sich mit eigenen Fähigkeiten und Impulsen ein. Ein Aspekt davon ist, wie es gelingt, dass sich eine Person, die momentan anleitet oder Personen, die etwas sagen wollen Gehör verschaffen können. Dazu habe ich etwa bei Konferenzen des Applied Improvisation Network das Prinzip der „Ruhe-Hand“ kennengelernt.

Ergebnissicherung: Ein wichtiger Aspekt bei Improvisation ist ‚Im Moment zu sein‘: Ergebnisse von Improvisation sind flüchtig, ja unwiederholbar (vgl. Scott, 2014). Umso wichtiger ist, die Dokumentation so sicherzustellen, dass sie zum einen den intuitiven Prozess nicht stört und gleichzeitig auch asynchronen Zugang zu entstehenden Ideen, Konzepten, Einsichten usw. ermöglicht.

Überzeugung von der Wirksamkeit Ein ganz entscheidender Faktor ist, dass die Person, die die Methoden erklärt und in vielen Phasen die Rolle der Anleitung übernimmt - wobei Vorgaben für Improvisationsmethoden im Tun immer intensiver aus der Gruppe selbst kommen können und sollen - von ihrer Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit überzeugt ist. Ein wichtiger Schritt kann dabei sein, diese nicht nur als Erklärung gelesen, sondern auch in der (temporären) Rolle als Teilnehmende/r miterlebt und mitgestaltet zu haben. Weiters muss die erklärende / anleitende Person - dies können auch Lernende selbst sein - bereit sein, alle Methoden selbst umzusetzen, also selbst zu assoziieren, in Körperbilder einzusteigen, im Raum zu gehen usw.

Astleitner, G., Wageneder, G.; Lengenfelder P. & Jekel A. (2015). 12 Tipps für eine kompetenzorientierte Lehre. Universität Salzburg. Link

Berk, R. A., & Trieber, R. H. (2009). Whose Classroom Is It, Anyway? Improvisation as a Teaching Tool. Journal on Excellence in College Teaching, 20(3), 29 – 60.

Boal, A. (1985). Theater der Unterdrückten. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Reinmann, G. (2015). Studientext Didaktisches Design. Hamburg. Link

Scott, J. (2014). Improvisation in the Theatre: An Intersection Between History, Practice, and Chaos Theory. Texas Tech University, Lubbock. Link

Smith, M. (1999). Reflection, learning and education. Link

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