Angewandte Improvisation in Bildungssettings

Schon Johann Comenius betonte im 17. Jahrhundert die Bedeutung spielerischer Ansätze im Bildungsbereich wobei er dabei auf Überlegungen von Aristoteles oder Plato zur Bedeutung von Spiel für das Leben aufbaute. Methoden aus der Angewandten Improvisation haben zweifellos einen spielerischen Charakter. So sammelte etwa die Sozialarbeiterin Neva Boyd in den 1920er-Jahren Kinderspiele bzw. erfand selbst welche und setzte diese ein, um Sprachfähigkeiten, Problemlösungskompetenz, Selbstsicherheit und soziale Fähigkeiten bei Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu fördern. Gleichzeitig verwenden sowohl Boyd als auch Personen, die auf ihre Arbeit aufbauten wie etwa Viola Spolin, Keith Johnstone oder Augusto Boal die Bezeichnung „Übung“ für die vielfältigen Methoden. Gearbeitet wird etwa mit Assoziationen mit Bildern & Grafiken, Worten, dem Körper, Klängen, der Stimme, Gegenständen… Dazu kommen Übungen um Räume sowie Menschen dort gezielt wahrzunehmen sowie eigene Handlungsoptionen in diesen. Ein wichtiges Werkzeug sind zudem improvisierte Kurzszenen, die auch aus einzelnen Worten und Momentaufnahmen bestehen können.

Hier ein Einblick in einige Einsatzoptionen von Improvisationsmethoden in Bildungssettings:

  • Entwickeln und reflektieren von didaktischen Designs sowie von Forschungskonzepten
  • Gegenseitiges Kennenlernen als kontinuierlicher Prozess
  • Biographisches Arbeiten
  • Visualisierung, bewusste Wahrnehmung und kreative Verknüpfung von vorhandenen Kompetenzen, expliziten / impliziten Wissen, Erfahrungen und Herangehensweisen
  • Brainstorming (wobei es nicht nur um neue Ideen geht, sondern ebenso um die Nutzung vorhandener Ideen / Materialien)
  • Unterstützen von tiefgehenden Verständnis für komplexe Zusammenhänge, (auch historische) Abläufe und Systeme, also u. a. Formeln und Statistiken aus allen Feldern
  • Hilfe beim Verstehen und Lernen von Fachbegriffen und –vokabeln (auch darum sind die Herangehensweisen / Methoden wichtige Werkzeuge, u. a. um Health Literacy zu fördern)
  • Entdecken, erforschen und konkretisieren von Möglichkeiten, um komplexe Themenstellungen und Herausforderungen anzugehen
  • Definieren und konkretisieren von Lernzielen
  • Reflexion von Lernschritten und –ergebnissen (ebenso im Sinn von Wiederholung und Festigung von Wissen sowie von Transfer in verschiedenste Lebensrealitäten)
  • Kraftvoller Umgang mit und Nutzung von Rückmeldungen, Beschwerden, (Beinahe)fehlern
  • Ausgangspunkt für wertschätzende und neugierige Begegnung mit verschiedenen Zielgruppen (inkl. wahrnehmbar Machen von deren Alltagsrealitäten, Bedürfnissen, Ängsten, Hoffnungen, Lebenssituationen…)
  • Planung, Umsetzung und Reflexion von Projekten sowie Veranstaltungen (wobei Angewandte Improvisation dort auch viele methodische Optionen bietet / eröffnet)
  • Entdeckung und Erforschung von Sozialräumen sowie verschiedener Handlungsoptionen in diesen
  • (Weiter)Entwickeln, erforschen und selbst kreieren von Geschichten im weitesten Sinn (inkl. wissenschaftliche Texte, Drehbücher, Gamedesign, Abläufe in Unternehmen und Institutionen…)
  • Entwickeln, austesten und reflektieren von Methoden, von Designs und Produkten sowie von User*innen-stories dazu
  • Partizipative Aktionsforschung (wobei Angewandte Improvisation auch für andere Forschungsmethoden u. a. zur Datensammlung herangezogen werden kann)

Improvisationsmethoden haben gleichzeitig Effekte auf überfachliche Kompetenzen. Ermöglicht / initiiert – auch im Sinn des Schaffens von sicheren Zonen -, begleitet, herausgefordert, reflektiert wird u. a.:

  • Kreativität
  • Spontanitätskompetenz
  • Vernetztes Denken und Handeln
  • Die Fähigkeit zu intensiver und von gegenseitiger Wertschätzung sowie Unterstützung geprägter Zusammenarbeit
  • Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit
  • Digital Literacy in einem umfassenden Sinn, auch weil u. a. Web 2.0-Werkzeuge zum Einsatz kommen können

 

Literaturhinweis:

Berk, R. A., & Trieber, R. H. (2009). Whose Classroom Is It, Anyway? Improvisation as a Teaching Tool. Journal on Excellence in College Teaching, 20(3), 29–60.

Freisleben-Teutscher, C. F. (2015). Digital Literacy bei Lehrenden und Lernenden gezielt fördern. medienimpulse, (4/2015).

Simon, W. P. (2011, January 12). Boyd, Neva Leona. http://www.socialwelfarehistory.com/people/boyd-neva-leona/

 

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