Rhetorik mit der Kraft der Improvisation

Bericht von einem Workshop im Rahmen des SKILL-Fortbildungsprogramm an der FH St. Pölten am 4. 11. 16 von Lukas Zenk (Donau-Universität) und mir.

(siehe dieses Fotoprotokoll – die Bilder wurden während des Tuns gemeinsam mit diesem frei verfügbaren Werkzeug gesammelt, das von Lukas Zenk mitentwickelt wurde: http://co-pics.com)

Am Anfang weisen wir auf grundlegende Elemente der Angewandten Improvisation ausgehend von Ergebnissen einer Delphi-Studie hin:

  1. Making your partner look good
  2. Yes… And
  3. Atmosphere of play
  4. Curious listening
  5. Complete acceptance
  6. Flexibility/Spontaneity
  7. Focus on the here and now
  8. Risk taking
  9. Personal awareness/mindfulness
  10. Balance of freedom and structure

Mit den Teilnehmenden blicken wir während des Workshops immer wieder auf diese Punkte, die gleichzeitig eine sehr wertvolle Struktur sind, um Situationen vorzubereiten, in denen eine kraftvolle und lebendige Rhetorik gefragt sind.

Am Anfang ist der Raum bewusst in der „üblichen Weise“ gestellt (Reihen).

Wir starten im Sitzen mit einem Assoziations-Ping-Pong – dabei weisen wir am Anfang auch darauf hin, dass es oft „die allererste Idee ist die stimmt“ und es keine „falsche“ Assoziation gibt. Wir fragen danach, welche rote Themenfäden im gemeinsamen Tun entstanden sind. Diese werden genutzt, damit sich alle Teilnehmenden für ein Wort entscheiden. Im Sitzen bilden sich neue Paare, die weit auseinander sind – diese wiederholen das jeweils gefundene Wort mehrfach und spielen dabei mit Lautstärke und Emotion(en) (also eine Technik der Verfremdung). Danach das erste Debriefing (Hintergrund zum Thema Debriefing), in dem schon enge Bezüge zum Thema Rhetorik zu finden sind (die von / mit der Gruppe gefundenen Ergebnisse finden sich in diesem pdf / als Wortwolke)). Auch insgesamt zeigte sich einmal mehr, das Methoden aus der Angewandten Improvisation Lernprozesse nicht nur anregen und unterstützen, sondern auch zu sehr umfangreichen und vielfältigen Ergebnissen führen. Den Teilnehmenden fiel (auch) beim Assoziations Ping Pong – die auch von außen wahrnehmbare – große Energie beim Tun auf, angesprochen wird zudem die gegenseitige aktive, körperlich sichtbare Zuwendung sowie der gegenseitige gezielt gehaltene & gegebene Fokus, gerade auch über die Distanz. Weiters angesprochen wird, dass es trotz der hörbaren großen Geschwindigkeit auch in der Phase der Verfremdung mit Emotionen zu kleinen, bewussten Pausen kam. Eine Teilnehmende meinte „ähnliches machen wir eigentlich immer wieder im Alltag…“.

Dann bitten wir die Teilnehmenden aufzustehen. Umgesetzt wird zunächst eine einfache Lockerungsübung, auch um den Unterschied zum Sitzen noch intensiver wahrzunehmen und die Atmung zu intensivieren (pantomimisches Pflücken von Früchten von hohen Bäumen und einsortieren dieser in niedrigen Körben am Boden mit Bücken). Dann zwei Elemente aus dem Körpertheater (vgl. Müller, W. (1994). Spielmann, Clown, Theatermacher: Körpertheater – Arbeitsbuch mit Übungen. Sankt Ulrich): „Erde“: Die Füße und Beine sind ein Bogen, auf dem als Bausteine Becken und Oberkörper mit einem tiefen Ausatmen gesetzt werden; „Kraft“: Ausgangspunkt ist „Erde“, es wird eine Hand- / Armbewegung umgesetzt, als ob ich mir eine Jacke bis zum Hals schließen würde. Davon ausgehend wurde die Wiederholung von Worten mit Partnern „am anderen Ende“ des Raums im Stehen wiederholt. Als Veränderung zum vorhergehende Durchgang stellten die Teilnehmenden fest, dass die Sicherheit bei der Umsetzung gestiegen ist sowie die Dynamik intensiver wurde – dies war wiederum von außen auch an einer noch intensiver ausgeprägten Körpersprache zu merken. Als Stichworte genannt wurden weiters „aufgeladen“ (mit Energie…) – auch in Bezug auf mehr „Volumen“ in der Stimme.

Ein nächster Schritt war gemeinsam den Raum zu transformieren, sodass eine gemeinsame Spielfläche entstand. Dabei haben wir auch auf die große Bedeutung zwischen gelungener Rhetorik im Zusammenhang mit bewusster Gestaltung und Nutzung des Raums hin. Wir hatten für den Workshop bewusst die Piloträume in der Herzogenburgstraße gewählt (Sessel & Tische mit Rollen, Mini-Whiteboards zur Dokumentation – siehe diese zwei Bilder).

Im entstandenen ‚Spielaum‘ haben wir dann „Roter Ball“ gespielt, um Begriffe zu sammeln, die mit gelungener Rhetorik zusammenhängen sowie zu überlegen, wie ein Ball zu diesem Begriff aussieht / sich durch die Runde bewegt. So entstanden u. a. „Klarheit“ (kleiner durchsichtiger Ball), „Authentizität“ (großer Medizinball), „Präsenz“ (geschmeidiger, langsamer Ball). Im Debriefing genannt wurde in Bezug auf gelungene Rhetorik nochmals die Bedeutung der gegenseitigen Achtsamkeit und Offenheit füreinander, dem bewussten Einsetzen der Stimme genannt (weitere Ergebnisse als pdf / die Wortwolke).

Auch bei diesem Workshop wurde das Prinzip improvisierter Kurzszenen umgesetzt diesmal in einem Setting mit Paaren: Jede/r Anwesende hatte den Auftrag, ein kurzes Beispiel einer Präsentation zu geben, bei der alles „falsch“ gemacht wird (also eine paradoxe Assoziation siehe Beschreibung hier) – der/die PartnerIn sollte das Geschehnis möglichst genau beobachten etwa auch in Hinblick auf Sprache, Mimik und Gestik. Im Anschluss war der Auftrag, dem/der PartnerIn zu sagen, was dabei „trotzdem“ in Bezug auf gelungene Rhetorik beobachtet wurde.

Nach einer Pause starteten wir mit der Übung „danisch clapping“, auch weil zuvor der Begriff Flow (vgl. Mihaly Csíkszentmihályi (2015): Flow. Das Geheimnis des Glücks, Klett-Cotta) mehrfach gefallen war. Und verwiesen auf die Balance zwischen „Skills“ (Fähigkeiten) und „Challenge“ (Herausforderungen) (siehe dazu auch diesen englischen Beitrag). Im Debriefing wiesen Teilnehmende auf den aktivierenden Faktor hin und gleichzeitig auf den engen Zusammenhang mit gelungener Rhetorik etwa in Bezug auf das kontinuierliche gegenseitige Reagieren, das gemeinsame Gestalten und Erleben von Flow (weitere Ergebnisse siehe das pdf / die Wortwolke).

Darauf aufbauend entstanden in Paaren Wort-für-Wort Geschichten. Im Debriefing wird zum einen das kreative, spannende und lustvolle Brainstorming erwähnt, das als noch intensiver erlebt wird, als beim Assoziations- Ping-Pong. Besonders betont wurde auch, dass es im Dialog mit anderen auch immer wichtig ist, eigene Pläne und Vorstellungen von anderen auf eine kreative und konstruktive Weise beeinflussen zu lassen bzw. mit diesen gemeinsam zu gestalten – so miteinander Selbstwirksamkeit zu (er)leben. Letztlich sollte gelungene Rhetorik immer auch intensive dialogische Elemente enthalten.

Eine weitere gemeinsame Übung war „Ding“. Erlebt wurde, dass es trotz – oder gerade auch mithilfe der Eingaben der PartnerIn – es möglich ist, Geschichten weiter zu erzählen. Im Debriefing wurde zunächst darauf hingewiesen, dass „Ding“ auch etwas Nonverbales sowie v. a. die Wichtigkeit von Spontanität bei gelungener Rhetorik betont wobei auch von Teilnehmenden selber die Erfahrung formuliert wurde, dass es möglich, ja manchmal wichtig ist, mit Worten / Handlungen sich selbst zu überraschen. Thema war zudem nochmals die Achtsamkeit für – inkl. wenn notwendig ein Nachfragen zu – Reaktionen von Anwesenden sowie die Bereitschaft sich auf das, was im Hier und Jetzt geschieht. Also nochmals der Hinweis auf die „willingness to change“ als wesentliches Element sowohl von Angewandter Improvisation als auch von gelungener Rhetorik (siehe ergänzend diesen Blogbeitrag mit TED-Video).

Vertieft wurden viele Aspekte aus dieser Übung dann mit „Story – Emotion – Detail“. Von den Anwesenden betont wurde die Wichtigkeit in Bezug auf gelungene Rhetorik Entscheidungen zu treffen, also entweder an Vorbereitungen dran zu bleiben, oder einen Methoden- / Themenwechsel umzusetzen.

Am Ende der Sequenz stand dann eine Power Point Karaoke (siehe dazu dieses Portal, auf dem sich auch Folien für dieses Spiel gefunden werden können), ein Einüben von Reagieren auf Unerwarteten. Wobei als wichtiges Prinzip, wieder sowohl für gelungene Rhetorik als auch Improvisation, „nutze das Offensichtliche / Naheliegende“ betont wurde. Assoziation, spontanes Reagieren darf und soll auch Aspekte einbeziehen, die offensichtlich sind.

Den Abschluss des Halbtages waren Überlegungen, wie sich die Erlebten Methoden in die Lehre einsetzen lassen und kurze Präsentationen dazu. Genannt wurde u. a. Schlüsselkompetenzen zu stärken / einzuüben (u. a. Kommunikation, Kooperation, Selbstwirksamkeit, selbstständiges Arbeiten). Weiters Assoziationsmethoden einzusetzen, um gemeinsam Ideen bzw. neue Denk- und Handlungsoptionen zu sammeln sowie weiter zu entwickeln bzw. sich – etwa mit dem Format „Roter Ball“ – mit bestimmten Aspekten und deren Eigenschaften / Verhaltensweisen auseinanderzusetzen. Mit improvisierten Kurzszenen wo „alles schief geht / alle alles falsch machen“ zu Grundprinzipien auch im Projektmanagement (Ziele / Nicht-Ziele), Programmieren (ein Programm erstellen mit möglichst vielen Fehlern, das aber trotzdem funktioniert) oder zu Aspekten des gegenseitigen Umgangs. Methoden wie „Story – Emotion – Detail“ (ist auch in Tandems umsetzbar) einsetzen, um gegenseitiges wertschätzendes Feedback zu geben bzw. einzuüben. Weiters als Weg, um Stimmungen im Raum bewusst wahrzunehmen / sichtbar zu machen.

Dieser Workshop wird hier auch deshalb so genau beschrieben, da Ergebnisse & Wahrnehmungen daraus in die Dissertation improflair zu Möglichkeiten des Einsatzes von Angewandten Improvisation in der Hochschuldidaktik einfließen. Ergänzend zur Beschreibung des Ablaufs noch: In den Rückmeldungen findet sich der Satz „die Zusammenarbeit innerhalb der TeilnehmerInnen war gelungen“ – das entspricht auch unseren Wahrnehmungen des Tages: Methoden sowie das „Mindset“ der Angewandten Improvisation fördern das konstruktive und lustvolle gemeinsame Tun. Hinweise auf das besondere Flair, das entsteht geben auch Worte aus den Feedbackbögen wie „lebendig“, „gute Atmosphäre“, „anregend (für die eigene Lehre)“, „humorvoll“, „flexibel“. Wie schon am Anfang gesagt, bewährt sich Angewandte Improvisation auch als Methodenset, mit dem in einer letztlich kurzen Zeit sehr viel auch auf der inhaltlichen Ebene geschieht bzw. Optionen für eigenes Handeln sicht- und greifbar werden. Dies spiegelt sich in Sätzen aus den Rückmeldungen wider wie (in Bezug auf den Nutzen aus dem Workshop) „unterstützt Selbstreflexion (auch in Bezug auf Methodenwahl)“, „…mich mit Distanz, ev. Störungen beschäftigt (durchgespielt) zu haben“, „Denkanstöße“, „inspirierend“, „anwendbar“, „vielseitig“, „sehr brauchbar“, „bereichernd für die Lehre“, „Ich gehe beruhigter und noch besser vorbereitet in die nächste Lehrveranstaltung Habe mehr Möglichkeiten, Studierende einzubinden“, „Methoden für die Aktivierung von Teilnehmenden“, „Mischung aus Stabilität, Leichtigkeit, Gelassenheit, Professionalität in die Lehre einfließen zu lassen“, „Möglichkeit der Anwendung im Bereich Ausbildung Menschenführung“, „natürlicher Umgang mit dem Thema Kommunikation“, „Methodenkompetenz“, „mehr Methodenvielfalt“, „Methoden sind gut adaptierbar“, „neue Lernmethoden“, „spannendes Toolkit“.

 

 

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